Das Stück

“Die Stunde Null des Grauens”

Robert Louis Stevensons “Dr. Jeckyll & Mr. Hyde” erlebte als Bühnenfassung seine Uraufführung, Sir Arthur Conan Doyle schickte seinen Sherlock Holmes in seine ersten Abenteuer, der “Elefantenmensch” wurde als medizinische Kuriosität bestaunt und Jack the Ripper trieb sein Unwesen. All dies kulminierte im Jahr 1888. All dies düstere, zum Teil fiktionale aber zum Teil auch reale “Menschen des Abgrunds”, wie es Jack London nur 15 Jahre später ausdrücken sollte.

Ein Grund für diese Häufung brutaler Erzählungen und Ereignisse liegt sicher in den sozialen Umständen Englands am ausgehenden 19. Jahrhundert.

“Whitechapel 1888″

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Auf knapp einem Quadratkilometer drängten sich im Londoner Bezirk Whitechapel des Jahres 1888 etwa eine halbe Million Menschen. Die Wohnverhältnisse waren katastrophal, die Arbeitsbedingungen schlicht unmenschlich, die sanitären Zustände unzumutbar und die Möglichkeit aus diesem Slum herauszukommen schier chancenlos. Die Industrialisierung hatte ihren ersten Höhepunkt erreicht. Nicht nur aus ganz England, sondern aus ganz Europa strömten die Menschen nach London in der Hoffnung ein besseres Leben vorzufinden, um sich in einem Elend wiederzufinden, das aus heutiger Sicht unvorstellbar ist.

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Um sich überhaupt einen Platz zum Schlafen leisten zu können mussten sich viele Frauen prostituieren. Denn wer keinen Schlafplatz ergatterte musste die Nacht auf der Straße verbringen. Ein Teufelskreis des sozialen Abstiegs, der nur eine Richtung kennt, die nach unten. Wer nicht genug Geld verdiente um sich Essen und Schlafen leisten zu können, war am nächsten Tag zu schwach, Arbeit zu finden, die genug Geld einbringen würde. So war es für die meisten Menschen in Whitechapel ein Kampf gegen den Untergang, der viele von ihnen verschlungen hat.

“Die Mordserie des Jack the Ripper”

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Obwohl Whitechapel zweifelsohne ein hartes Pflaster war, waren Morde trotzdem eher die Ausnahme, als die Regel; zumal derart grausame wie die des Jack the Ripper. In der Umgebung von Whitechapel spielten die Umstände dem Killer in die Karten. Die Frauen mussten auf die Straße, um Geld zu verdienen. Der Polizei wurde grundlegend misstraut. Und überdies hatte jeder mit sich selbst genug zu tun, so dass das Interesse an anderen gering war. So konnte Jack the Ripper zumeist in aller Öffentlichkeit in der Zeit von August bis November 1888 fünf Morde begehen, ohne dass es auch nur eine echte, brauchbare Spur gegeben hätte.

Die brutalen Morde erzeugten schon bald eine Hysterie und eine Panik in Whitechapel, die nur schwer von der Polizei unter Kontrolle zu halten war. Hunderte Anzeigen und Verdächtige erschwerten zusätzlich die Arbeit der Polizei, die jederezit damit rechnen musste, dass das soziale Pulverfass explodiert. Denn zumindest eine “gute” Seite hatten die Morde. Durch sie wurde man in der bürgerlichen Gesellschaft Londons aufmerksam auf die prekären Umstände, unter denen die Menschen in dem Viertel leben mussten.

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